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Autor
Schaber, Romuald


Verlag
Pattloch-Verlag
Erscheinungsjahr
2010
Titel
Blutmilch. Wie die Bauern ums Überleben kämpfen
Zusammenfassung
„Er pflüget den Boden, er egget und sät, und rührt seine Hände frühmorgens bis spät“. Das Bild des Bauern, der von seiner Hände Arbeit und einer guten Ernte lebt, steckt immer noch in den Köpfen. Ein Milchbauer ist demnach jemand, der seine Kühe melkt, deren Milch verkauft und von dem Erlös seinen Lebensunterhalt bestreitet. Nur: das Bild stimmt nicht mehr. Denn der Bauer verkauft seine Milch gar nicht – er liefert sie ab. Als Verkäufer würde er den Preis bestimmen, aber als Lieferant wird ihm der Preis diktiert. Milch wird an Molkereien geliefert, und warum der Bauer nicht einfach zur nächsten Molkerei geht, wenn ihm ein unrentabler Preis geboten wird, davon handelt das Buch „Blutmilch“ von Romuald Schaber.
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Beitrag
Romuald Schaber ist Landwirt. Sein Milchviehbetrieb ist 35 ha groß, hat 40 Kühe plus Nachzucht. Der Großvater hatte den Hof zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf 12 Kühe ausgebaut, was damals ein gutes Auskommen sicherte. Heute gibt eine Kuh im Schnitt doppelt so viel Milch wie noch vor 50 Jahren, und die Arbeit ist dank Melkmaschinen und Traktoren um ein Vielfaches leichter geworden. In Familienbetrieben kann eine Arbeitskraft heute gut 40 Milchkühe versorgen – und trotzdem leben viele Betriebe dieser Größenordnung von der Substanz. Denn sie erhalten weit weniger als die kostendeckenden 40-42 Cent pro Liter, wenn sie ihre Milch bei den Molkereien abliefern. Die Ursachen sind vielfältig, die Konsequenzen ebenfalls.

Auf eine der radikalsten Konsequenzen verweist der Titel des Buches. „Blutmilch“ steht für den Blutzoll, den ein allzu niedriger Milchpreis fordern kann. Immer wieder begehen Landwirte in Europa Selbstmord angesichts ihrer als ausweglos empfundenen ökonomischen Situation. Sicherlich ein reißerisch gewählter Titel, und dass derartige Fälle sich häufen, wie Schaber schreibt, kann er nicht überzeugend belegen. Dennoch bleibt das Phänomen zunehmender Verzerrungen in der Nahrungsmittelproduktion. Milch ist dafür ein gutes Beispiel – und nicht nur das, denn Milchviehhaltung ist mehr als nur die Produktion eines Lebensmittels.

Das ist der eine Punkt, auf den Schaber hinweist: was alles verloren gehen würde, wenn es eine bäuerliche Landwirtschaft im herkömmlichen Sinne nicht mehr gäbe. Wir würden uns an ein gänzlich verändertes Landschaftsbild gewöhnen müssen, in dem Almwirtschaft oder kleinteilige Grünlandwirtschaft keinen Platz mehr hätten. Auch die derzeit noch relativ verbreitete Mitversorgung der Elterngeneration auf dem Hof würde entfallen. Die Aufgaben als solche bleiben jedoch bestehen: Landschaften müssen gepflegt, die Alten versorgt werden. Bei einer radikalen Liberalisierung des Milchmarktes werden die damit verbundenen Kosten sozialisiert, also an die Gesellschaft übertragen, denn kein auf Gewinnmaximierung angelegter Agrarbetrieb wird sie übernehmen. Ein im weitesten Sinne kostenfreies Nebenprodukt der Landwirtschaft wären diese Leistungen dann nicht mehr.

Die Kernaussage von Schabers Buch geht genau in diese Richtung: schon heute werden in der Milchverarbeitung erhebliche Gewinne abgeschöpft, für die die Gesellschaft als Ganzes zahlt. Denn bei den Brüsseler Agrarsubventionen handelt es sich um Steuergelder, die umverteilt werden. Ein niedriger Milchpreis für den Verbraucher wird mit hohen Subventionen erkauft – aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn: bei den Landwirten kommt davon kaum etwas an.

„Zwischen Anfang 2000 und Mitte 2007 stiegen die Verbraucherpreise für Milcherzeugnisse um 17 Prozent, während der Erzeugerpreis um 6 Prozent zurückging. Das heißt: Der Preis für Milch steigt stetig, und wir haben nichts davon. Derweil sind die Direktbeihilfen für die Milchviehhalter in Europa von 2,75 Milliarden im Jahr 2005 auf 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2007 gestiegen. Das sind 64 Prozent mehr als vorgesehen. Eine nachhaltige Wirkung ging nicht davon aus. EU-weit hat allein zwischen 1995 und 2007 die Hälfte der Milchbauern aufgegeben.“ [S. 159]

Die ganze Wahrheit ist vertrackt und auch für Experten mittlerweile schwer zu durchschauen. Die große Differenz zischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen macht aber deutlich, welche Marktmacht Molkereien und Handel besitzen. Zwar sind viele Bauern auf dem Papier an den Molkereigenossenschaften beteiligt, in der Realität jedoch haben sie kaum Mitspracherechte. Und der Bauernverband? Ihm gebührt ein gesondertes Kapitel in dieser Geschichte. Denn der Bauernverband wurde ursprünglich gegründet, um nach dem zweiten Weltkrieg die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Deshalb sind dort neben den Landwirten auch Molkereien, Industrieverbände oder Saatguterzeuger vertreten. Ein aus seiner Zeit heraus nachvollziehbarer Schritt, der das einstige Agrar-Importland Deutschland zum Erzeuger von Überschüssen machte. Nur: die Machtstrukturen sind seither verfilzt.

„So sitzt heute der Bauernverbandsvertreter im Aufsichtsrat der Molkerei. Dort will er billige Milch, damit er wachsen und exportieren kann. Der Molkerei-Aufsichtsrat sitzt im Prüfgremium für Milchqualität und stellt dort fest, dass natürlich alles mit rechten Dingen zugeht. Der Raiffeisenverband ist auch noch Mitglied im Bauernverband. Also kümmert man sich auch um Kreditvergaben. Im Sinne der Bank? Im Sinne der Bauern? Und dann sitzt man noch für die CSU im Landtag.“ [S. 53]

Die Milchbauern haben sich lange mit der Situation arrangiert. Ihr Berufsbild wurde in den 70er Jahren von der breiten Bevölkerung vor allem mit den Stichwörtern „Butterberg“ und „Subventionsempfänger“ assoziiert, und diese Wahrnehmung wirkt bis heute nach. Eine eigene Interessensvertretung gründete sich erst 1997, und da Schaber gleichzeitig Initiator dieses „Bundes deutscher Milchbauern“ ist – mit historisch unsensibel gewähltem Kürzel „BDM“ - darf man sein Buch nicht als neutrale Darstellung der Ereignisse lesen. Die Gefahr besteht indes kaum, denn der Ton des Buches ist bodenständig und zornig im besten Sinne. Da kommen dann schon mal Vorschläge, dass es den Brüsseler Bürokraten guttäte, wenn sie statt Lackschuhen mal Gummistiefel anhätten, den Rücksitz der Dienstlimousine gegen einen Platz auf dem Traktor tauschen würden oder statt der Computermaus die Zitzen einer Milchkuh in der Hand hielten. Man kann den Ton mögen oder nicht – auf jeden Fall kann er nachvollziehbar transportieren, was in den betroffenen Bauern vorgeht. Zum Beispiel beim Hungerstreik der Bäuerinnen in Berlin oder beim Milchstreik 2008 – Aktionen also, die für viele der traditionell eher konservativ gesonnenen Landwirte bislang undenkbar waren.

„Streik? Wie geht das? Wir haben doch keine Gewerkschaft, die uns anweist, was da zu tun ist. Die Ersten gehen in die Milchkammer und drehen den Hahn am Kühltank auf, bis alles weiß ist. Die Milch, das Lebensmittel, unser Einkommen – fließt davon. [...] Milchstreik: Der Bauer fragt den alten Vater, was der dazu sagt, und erhält zur Antwort: Wenn es sein muss, dreh auf! Er fragt seine Frau, und die sagt: So kann es ja nicht weitergehen. Dreh auf. Dann kommt der Nachbar und sagt: Ich hab den Hahn aufgedreht. Und du?“ [S. 94]

Schaber nennt konkrete Vorschläge, wie es besser werden könnte. Er lehnt Subventionen ab, fordert stattdessen einen kostendeckenden Erzeugerpreis von 40 – 42 Cent pro Liter Milch und eine Offenlegung aller Kosten, die mit der Milcherzeugung verbunden sind. Dazu zählen neben Subventionen auch Futtermittelimporte, die eine ganze Reihe von Umweltschäden und Folgekosten nach sich ziehen. Den Bedarf einer Quotenregelung sieht Schaber weiterhin, aber die Bauern müssten bei deren Festlegung mit im Boot sitzen. Planwirtschaft, sagen die einen; unakzeptabel. Milch ist kein Weltmarktprodukt, sagen die anderen; und Milchpulververschiebungen, die regionale Märkte zerstören, sind keine Lösung. Die Diskussion ist noch im vollen Gange.

Als Beispiel für einen gelungenen Ansatz nennt Schaber Kanada. Dort erfolgt die Angebotssteuerung durch eine Art Monitoringstelle, in der Erzeuger, Molkereien und Verbraucher auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Eine Utopie ist es also nicht, was hier beschrieben wird. Vielmehr eine bedenkenswerte Lektüre über Herkunft und Zukunft dessen, was die Milch ausmacht.

Noch einmal der Titel.
Romuald Schaber: „Blutmilch. Wie die Bauern ums Überleben kämpfen“. Erschienen beim Pattloch-Verlag 2010, 272 Seiten, für 18,00 Euro.



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23.08.2013

 

Das Feature zum Thema:

Künstlich. Intelligent. Klug? Aufbruch in die smarte Gesellschaft

lief am 28.7.2013 in Länge Sieben beim Saarländischen Rundfunk (SR2). Näheres siehe unter

www.sr-online.de

Ein Nachhören der Sendung ist dort möglich!

 

Das Feature zum Thema:

Jenseits von Markt und Staat - Begegnungen in der Allmende

lief am 4.9.2012 um 19.15h beim Deutschlandfunk. Näheres siehe unter

www.dradio.de

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